52 | „Leis auf zarten Füßen naht es“

52 | „Leis auf zarten Füßen naht es“

1082 721 Clemens Pistauer

Quelle: Pixabay, TuendeBede

Ein Gedicht, das mich zum Nachdenken anregte

Vor ungefähr 15 Jahren hat mir eine gute Bekannte, die ich sehr schätze, folgendes Gedicht von Christian Morgenstern vorgelesen:

Leis auf zarten Füßen naht es

Leis auf zarten Füßen naht es,
vor dem Schlafen wie ein Fächeln:
Horch, o Seele, meines Rates,
laß dir Glück und Tröstung lächeln –

Die in Liebe dir verbunden,
werden immer um dich bleiben,
werden klein und große Runden
treugesellt mit dir beschreiben.

Und sie werden an dir bauen,
unverwandt, wie du an ihnen, –
und, erwacht zu Einem Schauen,
werdet ihr wetteifernd dienen!*

Wer war Christian Morgenstern?

Der Dichter und Übersetzer Christian Morgenstern (1871-1914) hinterließ ein vielseitiges Werk. Bekannt ist er heute vor allem als Schöpfer humoristischer Sprachgedichte, der so genannten „Galgenlyrik“. Dazu zählen u.a. das berühmte Gedicht vom Lattenzaun oder die Poesie zu Figuren wie Palmström oder Palma Kunkel.

Christian Morgenstern schaut mit ernstem Blick in die Kamera. Sein Haar ist dunkel und er trägt einen Vollbart. Seine Kleidung besteht aus einem weißem Hemd, dunklem Sakko und dunkler Krawatte.

Im weiteren Verlauf seines Lebens hat sich Morgenstern aber auch mit spirituellen Themen beschäftigt. Im Winter 1905/1906 hatte er ein spirituelles Erlebnis, das ihn innerlich sehr bewegte. Er äußerte sich dazu nur sehr zurückhaltend. Aus verstreuten Andeutungen in Briefen und einer autobiographischen Notiz lässt sich ableiten, dass es sich um eine Art mystischer Einheitserfahrung gehandelt haben dürfte. 1909 kam er überdies mit der Lehre der Anthroposophie von Rudolf Steiner in Kontakt und besuchte viele seiner Vorträge.

Das Gedicht „Leis auf zarten Füßen naht es“ gehört zu seinem letzten Gedichtband „Wir fanden einen Pfad“, den er Rudolf Steiner widmete. Er schrieb ihn kurz vor seinem Tod im März 1914. Aufgrund einer schon seit mehreren Jahren bestehenden Lungenerkrankung beschäftigte ihn das Thema Tod nachhaltig. In diesem Zusammenhang lässt sich auch das oben zitierte Gedicht lesen. Darüber hinaus finde ich es ganz allgemein inspirierend und zum Nachdenken anregend. 😊

Wer mehr über das Leben von Christian Morgenstern erfahren möchte, der/dem kann ich die Biografie von Jochen Schimmang empfehlen, die im Residenzverlag erschienen ist.

*Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?text=auf+zarten+f%C3%BC%C3%9Fen

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